Der Krieg um die Ukraine – Die Schlacht im Donbass

Markus Reisner: Der Krieg um die Ukraine – Die Schlacht im Donbass. Eine Kurzzusammenfassung nach 70 Tagen, AIES Fokus 4/2022

PDF-Download

06.05.2022


In nunmehr über 70 Tagen Krieg gelang es den ukrainischen Streitkräften den umfassenden Angriff der russischen Truppen entscheidend zu verzögern und im Raum Kiew, Chernihiv und Sumy, also im Norden und Nordosten der Ukraine, nachhaltig abzuwehren. Nach dem Rückzug der russischen Kräfte nach Belarus und Russland Anfang April, konnte das West- und Ostufer des Dnepr bei Kiew bis zur belarus­sischen Grenze wieder in Besitz genommen werden. Die russischen Truppen versuchen nun seit der sechsten Woche des Krieges eine zentrale Schwergewichtsverlagerung in den Donbass. Hier soll in einer neuen Phase des Krieges die Entscheidung durch eine Einkesselung der ukrainischen Kräftegruppierung entlang der Kontaktline und in deren Tiefe gesucht werden.

Die ukrainischen Verteidiger leiden unter einem nachhaltigen Mangel an schweren Waffensystemen. Die ukrainischen Streitkräfte, am 24. Februar mit über 260.000 Soldaten, 2.400 Panzern, über 500 Raketenwerfern und 250 S-300 Fliegerabwehrsystemen die stärkste Streitmacht Europas, werden seit nahezu zehn Wochen stetig abgenutzt, während Munition- und Betriebsmittellager zunehmend zerstört werden. Die westliche Seite hat hier den Ernst der Lage erkannt und mit umfangreichen Waffenlieferungen begonnen bzw. diese zugesagt. Doch mit Ausnahme eines slowakischen S-300 Fliegerabwehrsystems und eines mit zehn Kampf- und zehn Schützenpanzern russischer Bauart beladenen Eisenbahnzuges sind keine größeren Transporte in der Ukraine eingetroffen.

Als einzige Ausnahme meldete Polen, mit der (unbestätigten) Lieferung einer ersten Tranche von 200 Kampfpanzern russischer Bauart in die Ukraine, einen signifikanten Beitrag geleistet zu haben. Artillerie (inkl. Artillerieaufklärungsradarsysteme), Drohnen (US-„Kamikaze"-Drohnen vom Typ „Switchblade" und „Phoenix Ghost") und vor allem Munition treffen erst langsam ein. Wesentliche Komponenten der militärischen Kapazität der ukrainischen Streitkräfte sind bereits schwer getroffen. Dies betrifft vor allem die aktiven und passiven Komponenten der Luftstreitkräfte und die Angriffsfähigkeit der Landstreitkräfte. Durch die Lieferung von Ersatzteilen soll es gelungen sein, ca. zwanzig ukrainische Kampfflugzeuge (v.a. MiG-29 Kampf- und Su-25-Erdkampfflugzeuge) wieder instand zu setzen. Die ukrainischen Marinestreitkräfte sind, mit Ausnahme von wenigen Einheiten in Odessa, zur Gänze vernichtet oder von den Russischen Truppen in Besitz bzw. Gefangenschaft genommen worden.

Der Erfolg der ukrainischen Seite im Norden des Landes war vor allem durch den Einsatz der eigenen Spezialeinsatzkräfte möglich. Im Gegensatz zum Angriff der russischen Kräfte im August 2014, haben die ukrainischen konventionellen Streitkräfte diesmal nicht versucht die russischen Kräfte in Grenznähe aufzuhalten. Dies hatte 2014 zu massiven ukrainischen Verlusten geführt. Diesmal wurden die russischen Kräfte von den Ukrainern zuerst nur gering in Verzögerungskämpfe gebunden. Man ließ die Russen vormarschieren, bis ihre Versorgungslinien überdehnt und ohne Sicherung verletzlich wurden. Dann schlugen die ukrainischen Spezialeinsatzkräfte (inkl. Einheiten der Nationalgarde) zu und zerstörten in dutzenden Hinterhalten die russischen Versorgungskonvois. Als nach fünf Tagen von den russischen Kräften eine erste operative Pause eingelegt wurde, stellten diese fest, dass sie von der Versorgung abgeschnitten worden waren. Es mussten Kräfte zur Sicherung ausgeschieden werden, welche infolgedessen den Verbänden an der Front fehlten.

Im Donbass wird daher nun versucht eine regionale Entscheidung, durch die Einkesselung der ukrainischen Streitkräfte an der Kontaktline, zu erzwingen. Durch gezielte Vorstöße aus den Räumen Izjum und Wolnowacha soll mittels einer Nord- und Südumfassung ein Kessel gebildet werden. Der Beginn der russischen Offensive im Donbass zeigt, dass die russischen Streitkräfte immer noch davon überzeugt sind, eine Entscheidung zu ihren Gunsten auf dem Gefechtsfeld erreichen zu können.

Der aktuelle Kriegsverlauf deutet immer mehr darauf hin, dass derzeit weder mit einer schnellen Entscheidung auf dem Schlachtfeld, noch mit ernsthaften Verhandlungen gerechnet werden kann. Die ukrainische Forderung nach einer russischen Kapitulation und einem Totalrückzug sowie die laufenden Luftangriffe der Russen in der Tiefe der Ukraine lassen weitere gravierende Eskalationen befürchten.