Die Geburtsstunde des Drachenbären

Velina Tchakarova: Die Bifurkation des Globalen Systems und die Geburtsstunde des Drachenbären, CSA Kompakt Nr. 02/2022

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02.02.2022


Der „Drachenbär“ ist weder eine Allianz oder Entente noch eine Scheinehe, sondern eine vorübergehende asymmetrische Beziehung, in der China überwiegend tonangebend ist, aber auf Russland in vielerlei Hinsicht angewiesen bleibt. Solange es das gemeinsame geopolitische Interesse gibt, den globalen Einfluss der USA in den internationalen Angelegenheiten zurückzudrängen, wird die systemische Koordinierung verschiedenster Maßnahmen und Handlungen zwischen Peking und Moskau trotz der sich abzeichnenden Spannungen in Bereichen, in denen sich die jeweiligen nationalen Interessen überschneiden, fortgeführt werden.

Russland ist eine regional agierende Macht mit dem größten Atomwaffenarsenal der Welt bzw. mit geopolitischen und geoökonomischen Interessen von der Arktis über die eurasische Landmasse und das „nahe Ausland“ bis hin zum Schwarzmeer, Mittelmeer und dem Mittleren Osten. China, hingegen, ist eine global agierende Macht mit Nuklearwaffen sowie zunehmend bedrohlichen geopolitischen und geoökonomischen Zielsetzungen in der internationalen Politik – vom Südchinesischen Meer und der Taiwan-Straße bis hin zum Konflikt mit Indien und der Machtkonkurrenz im Indopazifik.

Beim „Drachenbären“ geht es darum, auf Umwälzungen in allen Schlüsselbereichen adäquat zu reagieren – von der Weltwirtschaft, dem Finanz- und Handelswesen über Diplomatie und politischen Partnerschaften bis hin zu militärischen, verteidigungspolitischen und strategischen Bündnissen und Partnerschaften. Beide Akteure gehen davon aus, dass sich die globale Ordnung in einer Systemtransformation befindet, deren Endergebnis unvorhersehbar ist und deren Auswirkungen auf Russland und China sehr gefährlich sein könnten. Die USA werden versuchen, China und Russland gegeneinander auszuspielen und sich während der systemischen Rivalität mit China Russland zu nähern.