Das Globale System im Umbruch

Velina Tchakarova: Das Globale System im Umbruch, AIES Fokus 8/2016

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22.12.2016 / Vorige / Nächste Publikation


Die internationalen Beziehungen befinden sich gegenwärtig in einer Phase des tiefgreifenden Wandels. Es handelt sich dabei um einen Umbruch in jedem denkbaren Bereich. Daraus entsteht bei staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren ein Gefühl permanent drohender Gefahr, welches in Kombination mit aufsteigendem Euroskeptizismus und unberechenbaren politischen Ergebnissen die Wahrnehmung von Krisenhaftigkeit zuspitzt (wie beispielsweise das Referendum zum Austritt Großbritanniens aus der EU (BREXIT) oder die Wahl von Donald Trump zum nächsten amerikanischen Präsidenten). Insgesamt war das Jahr 2016 durch eine Vielzahl von schwer prognostizierbaren Phänomenen und Ereignissen gekennzeichnet. Woran liegt dies und was sind die Merkmale für diese übergreifende Komplexität?

Der Westen ist an einem Punkt angelangt, an dem die transatlantische Gemeinschaft die Komplexität der Gegenwart durch Schadensbegrenzung allein nicht mehr bewältigen kann. Wirtschaftlich geschwächt und gesellschaftlich gespalten, droht sie nun aus dem politischen Gleichgewicht zu kommen. Fünf der G-7 Länder haben Ende 2016 als Folge von Rücktritten oder Abwahl einen neuen Staats- oder Regierungschef.i Kanada wählte Justin Trudeau zulasten des sich wieder im Rennen befindenden Regierungschefs Stephen Harper. Inzwischen hat auch David Cameron nicht mehr den Posten des Premierministers Großbritanniens inne, da die britische Bevölkerung sich beim Referendum überraschend für BREXIT entschieden hat. Auch Matteo Renzi ist nach einer überragenden Niederlage beim Referendum über Verfassungsreformen in Italien zurückgetreten. Darüber hinaus genießt Francois Hollande mit nur 4% Zustimmung seitens der Bevölkerung; bei weitem die niedrigste Popularität in der Geschichte Frankreichs, und wird nicht wieder für das Amt des Präsidenten kandidieren. Schließlich werden die USA ab Januar 2017 einen Präsidenten im Amt haben, der nicht nur die amerikanische Bevölkerung, sondern auch die strategischen Partner der USA weitgehend polarisiert. Zudem stehen im Jahr 2017 Wahlen in Schlüsselländern wie Deutschland, Frankreich oder Holland bevor. Insgesamt herrscht somit ein politischer Umbruch in der transatlantischen Gemeinschaft vor, welcher durch einen Elitenwechsel, den Aufstieg populistischer Kandidaten und das Gefühl permanenter Krisenhaftigkeit die Komplexität in den internationalen Beziehungen enorm erhöht hat.

Im Folgenden wird ein Versuch unternommen, gegenwärtige, sich im Umbruch befindende Systemprozesse und -strukturen zusammenzufassen, mögliche Trendwenden zu veranschaulichen sowie auf weitere Transformationserscheinungen zu verweisen.