29. Europaforum Wien
Europas neue Selbstverantwortung
07.11.25 / Wien / Europäische Union / Europäische Sicherheit und Verteidigung

29. Europaforum Wien
Vom 7. bis 8. November 2025 veranstaltete das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) das 29. Europaforum Wien an der Diplomatischen Akademie Wien (DA). In Zusammenarbeit mit dem Wilfried Martens Zentrum für Europäische Studie und dem Think-Tank Campus Tivoli (ehemalige Politische Akademie) brachte das diesjährige Forum unter dem Motto „Europe's New Responsibility“ globale Expert*innen zusammen, um die Rolle Europas in einer Zeit zu diskutieren, in der die Sicherheitsbedrohungen zunehmen und sich die geopolitische Landschaft stetig verändert.
In den Diskussionen wurden drängende Fragen wie der anhaltende Russland-Ukraine-Konflikt, der Aufbau einer unabhängigen pan-europäischen Sicherheitsarchitektur und Perspektiven aus verschiedenen Regionen Europas.
Das 29. Europäische Forum zog über 350 Teilnehmer*innen und viele weitere Online-Zuschauer*innen per Live-Stream an. Einmal mehr bot das Forum eine einzigartige Gelegenheit für tiefgreifende Gelegenheit für tiefgreifende Debatten und Einblicke sowie für den Austausch mit einem engagierten Publikum.

Eröffnungsreden und Keynotes – 06. November
Den Auftakt des ersten Konferenztages gestaltete AIES-Direktor Michael Zinkanell, der die Gäste des 29. Europäischen Forums herzlich begrüßte und in das Programm einführte. Er würdigte die wichtigsten Partner des Forums und gab die Richtung für die Diskussionen über europäische Sicherheit vor.
Im Anschluss übergab Dr. Werner Fasslabend, Präsident des AIES und ehemaliger österreichischer Verteidigungsminister, das Wort an den Redner des Abends. In seinen kurzen einleitenden Bemerkungen würdigte er die Expertise des Vortragenden und unterstrich die Relevanz einer fundierten sicherheitspolitischen Analyse angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine.
Den inhaltlichen Auftakt bildete der Vortrag „War in Europe – Status Quo and Future Perspectives“ von Markus Reisner, österreichischer Historiker und Militärexperte. Reisner gab einen umfassenden Überblick über die aktuelle Lage an der ukrainischen Front und beleuchtete dabei insbesondere taktische Entwicklungen sowie hybride Bedrohungen, mit denen sich Europa zunehmend konfrontiert sieht. Sein Beitrag zeichnete ein präzises und zugleich eindringliches Bild der sicherheitspolitischen Realität in Osteuropa und eröffnete damit die analytische Grundlage für den weiteren Verlauf des Forums.

Keynote Highlights am 07. November 2025
Den zweiten Konferenztag eröffnete Botschafter Martin Eichtinger, Direktor der Diplomatischen Akademie Wien, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Namen der Gastgeberinstitution willkommen hieß. In seiner Ansprache erinnerte er an den EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 und sprach über die damaligen Herausforderungen, die letztlich in einem erfolgreichen Referendum mündeten. Eichtinger betonte die Bedeutung der EU-Mitgliedschaft für Österreich und hob hervor, dass Europa seine Verantwortung zur Wahrung und Förderung demokratischer Werte wahrnehmen müsse.
Im Anschluss richtete Dr. Werner Fasslabend, Präsident des Austria Instituts für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) und ehemaliger österreichischer Verteidigungsminister, das Wort an die Gäste und eröffnete offiziell den zweiten Tag des Europäischen Forums. Er betonte die Komplexität der aktuellen sicherheitspolitischen Lage und die Notwendigkeit, mit strategisch durchdachten und flexiblen Ansätzen auf die vielfältigen Herausforderungen Europas zu reagieren.
Die Diskussion wurde unter dem thematischen Schwerpunkt: „European Defence, Challenges and Programmes“ fortgesetzt. Arnold Kammel, Generalsekretär des österreichischen Verteidigungsministeriums, betonte den tiefgreifenden Wandel der europäischen Sicherheitslage seit Russlands Invasion in der Ukraine. Er merkte an, dass zwar strategische Rahmen und Initiativen existierten, die entscheidende Herausforderung jedoch in der praktischen Umsetzung einer einheitlichen europäischen Verteidigungsfähigkeit und einer integrierten Industriebasis liege.
Mikuláš Dzurinda, ehemaliger slowakischer Ministerpräsident und Präsident des Wilfried-Martens-Zentrums, warnte, dass sich Russlands Krieg gegen die Ukraine zu einer umfassenderen hybriden Herausforderung für Europa entwickelt habe. Er argumentierte, die EU müsse über strategische Erklärungen hinausgehen und konkrete Maßnahmen ergreifen, etwa durch gemeinsame Rüstungsbeschaffung, den Ausbau der industriellen Kapazitäten und die schrittweise Schaffung einer gemeinsamen europäischen Verteidigungsinstitution.

Weitere Keynote Speeches - 7 November
Wolfgang Schüssel, ehemaliger Bundeskanzler Österreichs, erklärte, Europas „neue Verantwortung“ sei in Wirklichkeit eine langjährige Verpflichtung zur Wahrung von Frieden, Stabilität und Wohlstand. Er mahnte jedoch zu einem Umdenken: Europa müsse seine wirtschaftliche Basis stärken, hybride Angriffe und Desinformation wirksam bekämpfen und die Ukraine als festen Bestandteil der europäischen Sicherheit unterstützen. Zugleich brauche es eine politische Führung, die offen mit den Bürgerinnen und Bürgern über die bevorstehenden sicherheitspolitischen Herausforderungen spricht.
Viktor Yushchenko (Präsident der Ukraine, 2005–2010) definierte Sicherheit als oberste Pflicht einer Nation und unterstrich, dass es sich bei dem russischen Angriffskrieg nicht um einen „Konflikt“ handle. Er verurteilte Europas frühere „Putinisierung“, also die Abhängigkeit von russischer Energie und die Vernachlässigung der Verteidigung, und beschrieb Russland als wirtschaftlich geschwächt, aber weiterhin gefährlich. Europa müsse, so seine Forderung, geschlossen handeln: Die Öleinnahmen des Kremls begrenzen, Waffenlieferungen (insbesondere Luftverteidigungssysteme und Langstreckenraketen) müssen koordiniert beschleunigt werden, sowie eingefrorene russische Vermögenswerte für den Wiederaufbau der Ukraine genutzt werden. Die Ukraine bezeichnete er als „Schutzschild Europas“, lehnte dabei jegliche territorialen Zugeständnisse entschieden ab und verwies auf die Lehren des Münchener Abkommens. Nur die vollständige Befreiung der Krim und des Donbass sowie eine eindeutige Niederlage Russlands könnten einen gerechten und dauerhaften Frieden gewährleisten.
Beate Meinl-Reisinger, die österreichische Ministerin für europäische und internationale Angelegenheiten, rief Europa in einer kurzen Videobotschaft dazu auf, „die Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen“: mit einer gemeinsamen europäischen Stimme zu sprechen, eine echte Europäische Verteidigungsunion aufzubauen und einen gerechten, umfassenden und nachhaltigen Frieden für die Ukraine mit verlässlichen Sicherheitsgarantien zu unterstützen. Zudem müsse die EU-Erweiterung, einschließlich des Westbalkans und Moldaus, durch eine schrittweise Integration vorangetrieben und globale Partnerschaften, insbesondere mit Afrika, vertieft werden, um Europas Stabilität und Wohlstand langfristig zu sichern.

Podiumsdiskussion – 7. November
Die Podiumsdiskussion des zweiten Konferenztages „Views from Different European Regions“ ("Perspektiven aus verschiedenen Regionen Europas") wurde von Benita Ferrero-Waldner eingeleitet.
Benita Ferrero-Waldner, ehemalige EU-Kommissarin (2004–2010) und österreichische Außenministerin (2000–2004), betonte dass die EU angesichts globaler Umbrüche, von der Rivalität zwischen den USA und China bis hin zum Krieg Russlands gegen die Ukraine, eher als „globaler Zahler“ denn als aktiver Akteur auftrete. Daher forderte sie eine echte strategische Autonomie mit schnelleren Entscheidungen auf Basis qualifizierter Mehrheiten, die konsequente Umsetzung gemeinsamer Sicherheits- und Verteidigungspolitiken, eine Stärkung von Industrie und Innovation, weniger Bürokratie, mehr Freihandelsabkommen und den Mut, im Interesse Europas entschlossen zu handeln.
Richard Bruton, langjähriger irischer Minister verschiedener Ministerien (1986–2020), argumentierte, dass die traditionelle Neutralität im Zeitalter der hybriden Kriegsführung nicht mehr zeitgemäß sei. Neutrale Staaten müssten sich umfassend an der Sicherheit der EU beteiligen, in gemeinsame Fähigkeiten investieren und die nichtmilitärische Resilienz in den Bereichen Energie, Gesundheit und demokratische Institutionen stärken. Er plädierte zudem für ein stärkeres Engagement der Bürger*innen im Kampf gegen Desinformation und warnte davor, Vertragsänderungen zu überstürzen, bevor die bestehenden EU-Instrumente vollständig genutzt werden. Zugleich rief er zu einem erneuerten Bekenntnis zum Multilateralismus und zur Soft Power der Europäischen Union auf.
Volodymyr Ohryzko, ehemaliger ukrainischer Außenminister und früherer Botschafter in Österreich rief Europa dazu auf, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen und politischen Mut zu zeigen. Er forderte, die Lieferung von Langstreckenwaffen zu beschleunigen und eingefrorene russische Vermögenswerte für den Wiederaufbau der Ukraine freizugeben. Außerdem müsse sich Europa von Illusionen über Neutralität oder einen schnellen demokratischen Wandel in Russland verabschieden. Ohrysko sprach sich für den Aufbau einer gesamteuropäischen Abschreckungsfähigkeit aus, die gegebenenfalls auch eine nukleare Komponente umfasst, und betonte, dass die Ukraine als fester Bestandteil der europäischen Sicherheitsordnung anerkannt werden müsse.
Theodossios Georgiou, Präsident der Atlantischen Vertragsvereinigung (ATA) hob die zentrale Bedeutung öffentlicher Legitimität und gesellschaftlichen Engagements für die europäische und transatlantische Sicherheit hervor. Er erinnerte daran, dass die ATA gegründet wurde, um die NATO enger mit den Bürger*innen zu verknüpfen und den Austausch zwischen Parlamentariern, Wissenschaftlern, Diplomaten, Militärvertretern und jungen Menschen zu fördern. Ziel sei es, die demokratische Unterstützung für die kollektive Verteidigung zu stärken. Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der sich wandelnden globalen Machtverhältnisse betonte Georgiou die Notwendigkeit, starke transatlantische Beziehungen zu bewahren, den Dialog zu vertiefen. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung, so warnte er, könne keine Sicherheitspolitik dauerhaft erfolgreich sein.

Podiumsdiskussion – 7. November
Das abschließende Podiumsdiskussion mit dem Titel Europe’s New Security Architecture („Europas neue Sicherheitsarchitektur“) brachte führende Experten aus Deutschland, Frankreich, Italien und der NATO zusammen, um Europas Fähigkeit zur Selbstverteidigung und seine strategische Zukunft angesichts zunehmender geopolitischer Instabilität zu bewerten.
Stefan Mair, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), zeichnete Deutschlands sich wandelnde Sicht auf die europäische Sicherheit von der Eindämmungspolitik des Kalten Krieges und der Ostpolitik bis zur Zeitenwende nach 2022 nach. Er räumte ein, dass Deutschlands frühere Hoffnung, Russland durch Handel zu verändern, gescheitert sei, und dass Europa ohne die Unterstützung der USA weiterhin nicht in der Lage sei, sich selbst zu verteidigen. Mair schlug vor, die „europäische Säule“ der NATO als Rückgrat jeder künftigen Architektur zu stärken, und warnte, dass sich Europa auf einen möglichen Rückzug der USA vorbereiten muss. Eine ebenso dringlich ungestellte Aufgabe sei auch echte Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Europa müsse vielmehr über seine Ostgrenze nachdenken und die sicherheitspolitische Perspektive auf den Mittelmeerraum, die Arktis und den Begriff des „neutralen Staates“ erweitern.
Guillaume Lasconjarias, Direktor für Studien und Forschung am Institut des Hautes Études de Défense Nationale (IHEDN) in Paris, erklärte, dass die derzeitige Sicherheitsarchitektur Europas „ein totes Pferd im Wasser“ sei. Er identifizierte drei Realitäten, die den Wandel antreiben: den schwindenden amerikanischen Einsatzwillen (und das Risiko eines „Trump 2“), die umwälzenden Lehren aus dem Krieg in der Ukraine und die innere Fragilität Europas unter dem Druck von Desinformation und Extremismus. Unter Bezugnahme auf Frankreichs Strategic Review 2025 skizzierte er drei Säulen: (1) die Stärkung von Verteidigung und Abschreckung, einschließlich einer möglichen erweiterten Rolle der französischen Nuklearstreitkräfte; (2) Investitionen in Europas industrielle und technologische Verteidigungsbasis, um Kriegsbereitschaft und wirtschaftliche Souveränität zu sichern; und (3) den Aufbau eines neuen politisch-diplomatischen Rahmens durch die Europäische Politische Gemeinschaft, um Staaten wie die Ukraine, Moldau und Georgien in ein breiteres, nicht-EU-, nicht-NATO-Sicherheitsforum einzubinden. Wahre Autonomie bedeute, so Lasconjarias, „als Europäer handeln zu können“, selbst wenn sich Amerika zurückziehe.
Federico Fabbrini, Professor für Europarecht an der Dublin City University und Gründungsdirektor des Dublin European Law Institute, argumentierte, dass Europa vor einer beispiellosen doppelten Krise stehe. Zwar habe die EU seit 2022 bemerkenswerte Fortschritte erzielt – mit dem Strategic Compass, militärischen Missionen, gemeinsamer Verschuldung zur Unterstützung der Ukraine und Energieunabhängigkeit – doch verhindere ihr verfassungsrechtliches Design tiefere Handlungsfähigkeit. Einstimmigkeit, fiskalische Grenzen und das Fehlen eigener EU-Streitkräfte lähmten, so Fabbrini, die Außenpolitik. Er forderte eine Rückkehr zu Europas ursprünglicher Ambition: der unratifizierten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) von 1952. Eine Wiederbelebung dieses Vertrags könnte endlich eine gemeinsame europäische Armee schaffen, integriert in die NATO als deren europäische Säule. „Früher hielten wir eine einheitliche Währung oder offene Grenzen für unmöglich“, schloss er. „Jetzt ist es an der Zeit, eine europäische Armee möglich zu machen.“
Barbora Maronkova, Leiterin des NATO-Verbindungsbüros zur OSZE und anderen internationalen Organisationen, betonte, dass jede Diskussion über Europas Sicherheit die NATO einschließen müsse, die weiterhin der zentrale Garant für die Stabilität ihrer 32 Mitglieder sei – von denen die meisten auch EU-Staaten sind. Sie hob die unvergleichliche Interoperabilität, Führungsstruktur und kollektive Abschreckung der NATO hervor, begrüßte jedoch zugleich Europas Wendepunkt hin zu größerer Eigenverantwortung in der Verteidigung. EU-Initiativen müssten, so Maronkova, NATO-Maßnahmen ergänzen, nicht duplizieren. Angesichts gemeinsamer Budgets – „desselben Geldtopfs“ – müssten beide Institutionen ihre Verteidigungsausgaben, industrielle Produktion und Beschaffungsreformen besser aufeinander abstimmen. Sie beschrieb die Vertiefung der EU-NATO-Zusammenarbeit – von gemeinsamen Briefings bis zu koordinierten Projekten zu Mobilität, Resilienz und Cybersicherheit – und betonte die gemeinsame Unterstützung für die Ukraine. Schließlich verwies sie auf die Einbindung der NATO in Kooperationen mit anderen Organisationen, darunter die Vereinten Nationen und die OSZE.

Gemeinsam kamen die Rednerinnen und Redner zu einer zentralen Botschaft: Europa steht an einem strategischen Scheideweg. Um seine Zukunft zu sichern, muss es den Schritt von der Abhängigkeit zur Handlungsfähigkeit vollziehen – durch die Verbindung von NATOs Abschreckung, den Ressourcen der EU und neuem politischen Mut, um eine wirklich autonome und glaubwürdige europäische Sicherheitsarchitektur zu schaffen.
Die Veranstaltung wurde vom AIES mit Unterstützung seiner Kooperationspartner organisiert, zu denen das Wilfried-Martens-Zentrum für Europäische Studien, die Diplomatische Akademie Wien, das österreichische Bundesministerium für Landesverteidigung, das österreichische Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, das Europäische Sicherheits- und Verteidigungskolleg, das Land Niederösterreich und der Think-Tank Campus Tivoli gehören.
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