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Rezension


Indien und Pakistan

Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen

Zeitschrift Internationale Politik und Gesellschaft, Friedrich-Ebert-Stiftung, IPG 1 /2011, S. 174-176 / Michael Fuker, Velina Tchakarova / 27.01.2011 / Voriger / Nächster Artikel

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SEBASTIAN BUCIAK / RÜDIGER VON DEHN (Hrsg.):
Indien und Pakistan – Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen
Berlin 2010, Verlag Dr. Köster, 530 S.


Die südasiatische Region in ihrer Gesamtheit und Komplexität gewinnt international immer mehr an Bedeutung, wobei die wissenschaftliche Diskussion verstärkt auf die indisch-pakistanischen Beziehungen und die nukleare Aufrüstung in der Region gerichtet ist. Der umfangreiche Sammelband Indien und Pakistan – Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen umfasst 22 Beiträge von 25 Autoren und untersucht diese Thematik aus historischer, wirtschaftlicher und politikwissenschaftlicher Perspektive.

Um die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Indien und Pakistan auf regionaler und internationaler Ebene zu verdeutlichen, wird dem Leser in den ersten Kapiteln (Kapitel 1–5) die Geschichte Indiens und Pakistans mit dem Fokus auf die regionale Sicherheitspolitik und den Demokratisierungsprozess nähergebracht. Bezüglich des historischen Kontextes ist der Text von Amit Das Gupta „Indiens sicherheitspolitische Wende zwischen 1962 und 1974“ zu empfehlen.

Dieser geht auf das umfassende Programm zur Modernisierung der indischen Streitkräfte und den Aufbau des indischen Kernwaffenprogramms mithilfe der sowjetischen Kooperation ein. Zudem verbindet der Beitrag von Harald Potempa „Der Blick des deutschen Militärs auf die Rolle Indiens im Empire 1871–1945: Das Problem des Raumes und seiner Beherrschung im Kleinen Krieg im Spiegel des Militärwochenblattes“ indische und deutsche Geschichte. Auf den historischen Teil folgen Beiträge zur Außen-, Wirtschafts- und Innenpolitik in Südasien, speziell Indiens, welche nicht nur die wichtige Stellung Indiens in der Region, sondern auch international als Atommacht – insbesondere in Kooperation mit den usa – verdeutlichen. Zusätzlich werden die Nachbarländer Nepal, Sri Lanka und Bangladesch innenpolitisch beleuchtet und der Einfluss Indiens erläutert. Der Beitrag von Sandra Destradi „Indiens Rolle im Demokratisierungsprozess in Nepal“ untersucht Indiens Engagement in Nepal im Zeitraum 2002–2008, in welchen unter anderem die Abschaffung der Monarchie und die Beendigung des Bürgerkrieges fallen. Stephan Maninger befasst sich mit dem ethnischen Konflikt in Sri Lanka, bei dem im Zeitraum von 1982–2008 circa 70 000 Menschen ums Leben kamen. Kristin Bleyder wiederum beleuchtet in ihrem Beitrag „Bangladesh zwischen Demokratie und Militär“ den schwierigen Weg Bangladeschs nach Erlangen der Unabhängigkeit.

Die Analysen im Sammelband werden durch Beiträge über die globalen Veränderungen und die Rolle internationaler Akteure, wie beispielsweise der USA, abgerundet. Diesbezüglich bieten Sebastian Buciak und Rüdiger von Dehn in zwei separaten Beiträgen eine Analyse der amerikanischen Rolle beim indischpakistanischen Krieg 1971 (von Dehn) und der indisch-amerikanischen Kooperation auf dem Nuklearsektor (Steffen W. Allhoff / Sebastian Buciak). Schließlich stehen die Beiträge, welche die Problematik der nuklearen Aufrüstung und die Rivalität zwischen Indien und Pakistan thematisieren, im Vordergrund. Letztendlich haben Indien und Pakistan drei Kriege (1945–47, 1965 und 1971) und eine ernsthafte militärische Krise (Kargil-Krise 1999) durchgestanden. Hierzu analysiert Miriam Prys in ihrem Beitrag „Indiens Außenpolitik in Südasien im Wechselspiel zwischen regionalen und globalen Veränderungen“ die indische Außenpolitik und deren Einfluss auf die Region und die internationale Politik. Sie zieht dabei zwei Fallstudien heran: zum einen die Krise in Sri Lanka im Jahr 2000 und zum anderen die indische Politik gegenüber Nepal zwischen 2001 und 2006.

Die letzten Beiträge sind Pakistan gewidmet und richten sich auf dessen Innen- und Sicherheitspolitik. Aus den überwiegenden sicherheitspolitischen Beiträgen zur pakistanischen Haltung gegenüber terroristischen Netzwerken, dem Militär und den Atomwaffen hebt sich der Beitrag von Ismail Numan Telci „Democratization of Pakistan: A Role for the European Union“ heraus. Darüber hinaus untersucht Andreas M. Bock in seinem Beitrag „Pakistan, die Taliban und die Atombombe: Die plötzliche Aktualität des Atomwaffensperrvertrags“ die möglichen Risikoszenarien, sollte die Kontrolle über die Atombombe in Pakistan in die Hände terroristischer Netzwerke und Gruppen gelangen. Der Sammelband bietet eine gute Einstiegsliteratur für Leser / innen, welche sich anhand überwiegend deskriptiver Texte über die innenpolitischen und regionalen Verhältnisse in den Ländern Südasiens, speziell in Indien, informieren möchten. Besteht jedoch das Interesse, mehr über die globalen Veränderungen und Entwicklungen Indiens und Pakistans zu erfahren, so wie es der Buchtitel verspricht, werden die Leser / innen enttäuscht sein. Zum einen fehlt eine vergleichende Analyse der beiden im Titel erwähnten Atommächte Indien und Pakistan und hierbei speziell ein sicherheitspolitischer Vergleich ihrer Nuklearisierung. Zum anderen wird außer der Rolle der usa und der eu (jeweils ein Kapitel) die Bedeutung anderer wichtiger globaler Akteure bzw. Atommächte wie China, Russland, Israel nicht berücksichtigt. Die Geschichte und Innenpolitik Indiens und Pakistans werden zwar sehr detailliert dargestellt, doch leider geht kein Beitrag auf die indisch-pakistanische Rivalität hinsichtlich der globalen Veränderungen nach dem Kalten Krieg ein. Eine vergleichende Analyse der Kernwaffenprogramme und des Nuklearsektors, wie auch die Untersuchung der Möglichkeiten für Maßnahmen, die zur Vertrauensbildung in der nuklearen Konfrontation zwischen Indien und Pakistan führen könnten (wie beispielsweise zwischen den usa und der Sowjetunion während des Kalten Kriegs), wäre angebracht gewesen. Allerdings wurde Indiens und Pakistans Rolle in den internationalen Regimen zur Nichtverbreitung von nuklearen Waffen in mehreren Beiträgen umfassend untersucht.

Insgesamt bietet der Band dem Leser eine tiefgehende Analyse über geschichtliche, geopolitische und sozioökonomische Zusammenhänge und Entwicklungen in Bezug auf die südasiatischen Länder. Die Beiträge beschreiben die große Bandbreite der sicherheitspolitischen Rivalität zwischen Indien und Pakistan und weisen auf die regionalen und globalen Veränderungen hin, die zur Nuklearisierung der zwei regionalen Mächte geführt haben.

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