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Zentralasien: Das "Große Spiel", das es gar nicht gibt

Um das Herz Eurasiens ist ein wilder Wettlauf um Einfluss und Ressourcen im Gange, argumentieren die einen. "Das ist blödsinniges geopolitisches Getöse", kontern andere.

Die Presse / Burkhard Bischof / 17.03.2009 / Voriger / Nächster Artikel

Originalartikel


WIEN. Kaum eine andere Region der Welt beflügelt die Fantasie von Geostrategen so wie Zentralasien. Wer dieses Herzstück der eurasischen Landmasse beherrsche, dem stehe sogar die Weltherrschaft offen, sinnierte Anfang des 20.Jahrhunderts der britische Geopolitiker Halford Mackinder.

Nach einem jahrzehntelangen Tiefschlaf während der Sowjetära wuchs das Interesse an der Region nach dem Zerfall der UdSSR wieder. Fünf neue Staaten waren aus der sowjetischen Erbmasse entstanden, und im "failed state" Afghanistan wucherten terroristische Bewegungen, die bald als globale Bedrohungen wahrgenommen werden sollten: die Taliban und das Terrornetzwerk al-Qaida.

Seit von Afghanistan aus dann in einem terroristischen Großangriff am 11.September 2001 New York und Washington angegriffen wurden, sehen viele Beobachter das "Große Spiel" wieder voll in Gang gekommen. "The Great Game" steht ursprünglich für das erbitterte Ringen zwischen dem zaristischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft über Zentralasien im 19. Jahrhundert. Das wiederhole sich jetzt, mit Russland und den USA, China und der EU als Hauptspieler; in Nebenrollen mit dabei auch Indien, Iran, die Türkei und Pakistan.

Das Zentralasien-Bild der russischen Elite, von Teilen des chinesischen Militärs, aber auch von zahlreichen westlichen Geostrategen bewegt sich voll in "Great Game"-Kategorien: Ein heftiges Ringen äußerer Akteure um politischen Einfluss und Militärstützpunkte, vor allem aber auch um die zentralasiatischen Ressourcen sei da im Gange.

"Das ist blödsinniges geopolitisches Getöse", erregt sich Uwe Halbach von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Halbach gilt als scharfer Beobachter und intimer Kenner der Region. Ihn und andere Experten holte das Internationale Institut für Liberale Politik zu einer Expertentagung nach Wien, um sie Zentralasien aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten zu lassen. Zwangsläufig ergab sich dabei die Frage: Gibt es eine Neuauflage des "Großen Spiels"?

Relevanz ist eher bescheiden

Die Antworten fielen ernüchternd aus: Die geopolitische Relevanz der Region ist relativ bescheiden, war der Tenor der Analysen. Zwar gibt es von außen ein Schielen auf die Ressourcen der Region, vor allem Erdöl (Kasachstan), Erdgas (Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan) und Uran (Kasachstan, Usbekistan). Aber, führte Andrej Zagorskij, Politikwissenschafter von der Moskauer Universität für Internationale Beziehungen aus, selbst für den "Platzhirsch" unter den äußeren Akteuren, Russland also, habe die Region wirtschaftlich an Bedeutung verloren.

Das sicherheitspolitische Interesse Moskaus konzentriert sich natürlich auf Afghanistan: Russland, genauso wie die postsowjetischen Staaten Zentralasiens, lebt mit der ständigen Furcht, dass das Taliban- und al-Qaida-Virus auch die eigenen Lande befallen könnte. Insofern begrüßt man insgeheim zwar das militärische Engagement der USA und der Nato in Afghanistan, betrachtet aber nichtsdestoweniger westliche militärische Versorgungsstützpunkte in zentralasiatischen Staaten mit großem Argwohn, wie das im Übrigen auch die Chinesen tun.

Die USA aber, so führte Markus Kaim von der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik in der SWP aus, haben keineswegs das überragende strategische Interesse an der Region, das ihnen – gerade von den Russen – gerne unterstellt wird. In den Neunzigerjahren hieß die Devise der amerikanischen Zentralasien-Politik "low cost, low key" (geringe Kosten, geringes Profil). Erst nach dem 11.September kam der Paradigmenwechsel: Die postsowjetischen Staaten Zentralasiens wurden wegen ihrer Nachbarschaft zu Afghanistan im Kampf gegen den Terrorismus und bei der Abwehr des militanten islamistischen Virus wichtig.

Aber Kaim sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass Washington den russischen Einfluss in Zentralasien konterkarieren will oder in der Region ein Glied in einer amerikanischen Stützpunkte-Kette zur Einkreisung Chinas sieht. Die USA haben schon einmal in Usbekistan einen Militärstützpunkt geräumt, sie werden auch die Luftwaffenbasis Manas in Kirgisistan aufgeben, wenn Bischkek auf dem amerikanischen Abzug beharren sollte.

Überforderte EU

Laut Gudrun Wacker, China-Expertin von der SWP, ist für Peking wichtig, dass es in der Nachbarschaft zu seiner eigenen Unruheregion Xinjiang ruhig bleibt. Wobei die Chinesen, wie die autokratischen Machthaber Zentralasiens, innere Stabilität stets mit Regimestabilität gleichsetzen. Und natürlich habe das rohstoffhungrige China eine Auge auf die Ressourcen Zentralasiens geworfen. In dieser Frage schließt Wacker nicht aus, dass sich die Interessen Chinas und Russlands auf Kollisionskurs befinden könnten.

Und die EU? "Begriffe wie 'Großes Spiel' überfordern die EU", glaubt Franco Algieri vom Austria Institut für Europa und Sicherheitspolitik. "Die EU könnte da nicht mitspielen. Sie kann höchstens ein kleines Spiel in ihrer Nachbarschaft mitmachen."

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